Fellwechsel beim Pferd
Warum er zur Sonnenwende beginnt — und was das für die Mineralversorgung bedeutet
Der Fellwechsel wird vom Licht gesteuert, nicht von der Kälte. Wenn die Haare fliegen, läuft der Vorgang längst — begonnen hat er ein halbes Jahr vorher, zur Sonnenwende.
Das Licht gibt den Takt
Das Auge meldet nicht nur Bilder, sondern auch, wie lang die Nacht ist. Diese Information geht an die Zirbeldrüse im Gehirn, die daraufhin das Hormon Melatonin ausschüttet — je länger die Dunkelheit, desto mehr. Viel Melatonin dämpft die Ausschüttung eines weiteren Hormons, Prolaktin, und Prolaktin steuert den Haarzyklus: wann ein Haar wächst, wann es sich zurückbildet und wann es ausfällt.
Den Ausschlag geben deshalb die Sonnenwenden: In den Wochen nach der Sommersonnenwende (um den 21. Juni), wenn die Tage wieder kürzer werden, stellt der Körper auf Winterfell um. Ab der Wintersonnenwende (um den 21. Dezember) werden die Tage wieder länger — dann beginnt umgekehrt das Sommerfell.
Das Licht bestimmt also den Zeitpunkt. Und das Fell wird ohnehin das ganze Jahr über erneuert — die beiden großen Wechsel sind nur die sichtbaren Spitzen.
Und warum haaren Pferde auch mitten im Sommer?
Weil nicht alle Haarwurzeln gleichzeitig in derselben Phase sind. Deshalb verliert ein Pferd auch außerhalb der beiden großen Wechsel Haare — in heißen Sommern oft besonders auffällig.
Die Temperatur spielt zusätzlich eine Rolle, allerdings anders als das Licht: In einer Untersuchung mit Lichtmasken wirkte künstlich verlängertes Licht nur dann auf den Fellwechsel, wenn die Pferde nicht dauerhaft frieren mussten; bei Ponys blieb der Effekt weitgehend aus. Fachleute gehen deshalb davon aus, dass die Temperatur mitbestimmt, wie deutlich der Körper auf das Lichtsignal reagiert und wie dick das Fell am Ende wird. Endgültig geklärt ist das noch nicht.
Kurz gesagt: Den Zeitpunkt gibt das Licht vor, die Ausprägung hängt zusätzlich von Wetter, Haltung und Gesundheit ab.
Warum die Versorgung vorher stehen muss
Ein Haar wird nicht in dem Moment gebildet, in dem das alte ausfällt. Es ist zu diesem Zeitpunkt längst gewachsen. Die Bausteine dafür brauchte das Pferd also vorher.
Wer erst zum Mineralfutter greift, wenn das Fell schon fliegt, kommt zu spät für das Fell, das gerade entsteht. Entscheidend ist deshalb nicht eine Kur zum richtigen Zeitpunkt, sondern eine grundsätzlich gute Mineralversorgung, die schon steht, wenn der Körper die Umstellung beginnt.
Es geht um das Gleichgewicht, nicht um einen einzelnen Stoff
Fell und Hufhorn bestehen überwiegend aus Keratin — ebenso die oberste Schicht der Haut. Daran beteiligt sind unter anderem Zink, Kupfer (auch für die Pigmentierung), die schwefelhaltigen Aminosäuren Methionin und Cystein sowie Biotin, Selen und Vitamin E, die eng zusammenarbeiten.
Diese Stoffe wirken aber nicht nebeneinander her, sondern beeinflussen sich gegenseitig:
- Zink hemmt die Aufnahme von Kupfer — wer nur Zink zufüttert, kann die Kupferversorgung verschlechtern.
- Eisen und Mangan konkurrieren mit beiden um dieselben Aufnahmewege.
- Phytat aus Getreide und Kleie bindet Zink im Darm.
- Sehr viel Calcium im Futter kann die Zinkaufnahme etwas verschlechtern.
Ein einzelner hoher Wert nützt deshalb wenig, wenn das Verhältnis nicht stimmt. Sinnvoll ist ein ausgeglichener Mineralstoffhaushalt — und dafür lohnt es sich, erst zu messen und dann gezielt zu füttern.
Ein Wort zu Selen: Hier ist der Abstand zwischen zu wenig und zu viel klein — kleiner als bei allen anderen genannten Spurenelementen. Zu viel Selen löst ausgerechnet die Beschwerden aus, die man behandeln wollte: Haarausfall an Mähne und Schweif und Schäden am Hufhorn. Selen deshalb bitte nie „auf Verdacht“ zufüttern, sondern nur nach Untersuchung und Rationsberechnung.
Woran Sie sehen, dass etwas fehlen könnte
- das Fell wirkt stumpf und glanzlos
- dunkle Pferde bekommen einen rötlichen Schimmer, das Fell bleicht aus
- der Fellwechsel zieht sich ungewöhnlich lange hin
- schuppige Haut, vermehrtes Scheuern
- brüchiges Hufhorn, Risse, schlechtes Hufwachstum
Das sind Hinweise, keine Diagnosen. Ob wirklich etwas fehlt und was, zeigt erst eine Untersuchung. Meine Empfehlungen sind unterstützend und ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung.
Ihr Pferd das Winterfell im Frühjahr gar nicht, nur stellenweise oder deutlich verzögert verliert — besonders zusammen mit vermehrtem Trinken, vermehrtem Schwitzen, Muskelabbau über dem Rücken, Fettpolstern etwa über den Augen, Teilnahmslosigkeit, wiederkehrenden Infekten oder einer Hufrehe. Das können Zeichen der Hormonerkrankung PPID (oft Cushing genannt) sein, vor allem bei Pferden ab etwa 15 Jahren, gelegentlich früher. Wichtig: Betroffene Pferde sind nicht immer dünn — viele sind normalgewichtig oder rund.
Was ich in meiner Praxis mache
Bevor ich etwas empfehle, schaue ich mir an, wie Ihr Pferd tatsächlich versorgt ist. Dafür rechne ich die Ration durch und ziehe Laborwerte hinzu: eine Blutuntersuchung, die ich in der Praxis selbst durchführe, und eine Fellmineralien-Untersuchung.
Beide Wege haben ihre Stärken. Das Blut zeigt die Lage im Moment der Entnahme, die Fellprobe bildet einen längeren Zeitraum ab. In manchen Fällen lasse ich beides zusammen bestimmen — nach meiner Erfahrung ergänzen sich die Ergebnisse gut und zeigen mehr, als eine Untersuchung allein es könnte. Auf dieser Grundlage stelle ich eine individuelle Mineralmischung zusammen, die zur Ration passt.
Unser Grundfutter im Voralpenraum hat eigene Eigenheiten: eher wenig Selen und wenig Jod. Bei anderen Spurenelementen schwanken die Gehalte von Betrieb zu Betrieb erheblich — Fertigmischungen aus dem Regal können das nicht berücksichtigen, deshalb schaue ich mir jede Ration einzeln an.
Was Ihr Pferd braucht, klären wir vorher — hier sind die zwei Wege: